Der Morgen wird viel versprechend – Wind aus Südwest! Genua raus, Motor aus, wir können wieder segeln, auch wenn uns die Gegenströmung mit etwa 2 Knoten bremst und 40º nördlich versetzt. Doch das Vergnügen bleibt nicht lange, der Wind dreht und wir müssen unseren Kurs immer weiter nördlich absetzen. An sich kein Problem, fahren wir eben dichter unter Land, aber leider lässt der Wind gleichzeitig auch wieder nach, dadurch bekommt die Strömung mehr Effekt und wir treiben nordostwärts. Nach fast einer Stunde sind wir laut Logge gerade 2 sm gesegelt, aber über Grund nur etwas von der Ausgangsposition abgedriftet. Nachdem der Wind auch noch zu schwach zum Segeln wird, rollen wir die Genua wieder ein und starten die Maschine. Hat eben nicht sollen sein und das Frühsportprogramm haben wir ja brav absolviert. Noch 40 sm bis zur Spitze von Gibraltar, das sollten wir bis Einbruch der Dunkelheit schaffen.
Wir werden noch mit einem weiteren Erlebnis für unsere vergebliche Segelmüh’ belohnt: eine Schule Delphine kommt uns entgegen und verweilt eine zeitlang, um sich die Zeit mit Sprüngen und Prusten um unser Schiffchen zu vertreiben. Es ist doch immer wieder ein tolles Erlebnis, diese schönen Säuger aus nächster Nähe und in freier Natur beobachten zu können. Uns gelingen etliche Schnappschüsse und als Lisa auf dem Bugspriet sitzt, versucht sie, die Delphine und ihre Sprünge wie ein Dompteur zu dirigieren. Die Momente, als es klappt, dürften eher zufällig gewesen sein, aber was soll’s!
Unsere Euphorie soll aber auch schon bald ihren Dämpfer bekommen. Es kann ja auch nicht nur alles wunderbar sein. Unsere Salonpolster, in Almerimar erst sorgfältig und gründlich gereinigt, wurden von unserem lieben und ansonsten sehr braven Katerchen „Feivel“ als Toilette missbraucht. Vielleicht war es auch nur in Ermangelung der Markierungsmöglichkeit (er ist ja kastriert), vielleicht wollte er damit auch zeigen, dass er nun der Herr auf dem Schiff ist – nicht Charlene, unsere ruhige Waldkatze, die ihn schon ab und zu zurecht weist, nicht Lisa oder ich. Aber nachdem es eindeutig seine Duftnote war, wird er eben auch von uns zurechtgewiesen. Die Arbeit bleibt uns dennoch und wir wässern das Polster erstmal kräftig an Deck. Wenn wir’s uns recht überlegen, ist Feivel in den letzten tagen auch ganz schön machomäβig geworden. Wenn er etwas will – Streicheleinheiten oder sein Lieblingsessen – tut er das lautstark kund. Und wehe, es ist nicht sein Lieblingsessen oder Leckerlis, von denen er nie genug kriegen würde! Er ist schon ziemlich heikel geworden. Anfangs war jedes Dosenfutter recht, Trockenfutter wurde eher verschmäht, dann hat er die Schmackhaftigkeit von Trockenfutter entdeckt und Dosenfutter wurden nur noch bestimmte Sorten und Marken akzeptiert, alles andere bleibt eben stehen. Frischer Fisch oder frisches Fleisch, nein Danke! (Charlene ist ja dieselbe, allerdings liebt sie beides, sobald es gebraten und gewürzt ist und von unserem Teller stammt, was Feivel ebenso verschmäht).
Der zweite Dämpfer erfolgt durch die Umstände: wir erwischen kräftige Gegenströmung von 3 bis 3,5 Knoten, die uns mal mehr nach Süden, mal mehr nach Norden versetzt und ansonsten das Vorwärtskommen erschwert. So wird die Geschwindigkeit von guten 5 Knoten auf läppische 1,5 Knoten reduziert und somit die Fahrtzeit wie auch der Dieselverbrauch unnötig erhöht. Segeln ist auch nicht drin, da der Wind einerseits auf die Nase bläst und andererseits zu schwach ist, um gegen die Strömung aufzukreuzen. Also werden wir frühestens mitten in der Nacht ankommen, evtl. wird es früher Morgen, je nachdem, wie lange uns die Strömung in ihren Fängen hält.
Am Nachmittag bekommen wir noch eine Chance, der Wind springt auf 15 Knoten und wir ziehen die Segel wieder hoch, um aufzukreuzen. Der erste Schlag geht nordwestwärts Richtung Spanische Küste und nach 2 Stunden kommen wir aus dem Strömungsbereich heraus. Bevor wir aber auf den zweiten Schlag ansetzen und wenden können, stirbt der Wind plötzlich innerhalb von 15 Minuten ab. Was bleibt ist eine fürchterliche Dünung, die uns wild schaukeln lässt. Immerhin haben wir doch ein ganzes Stück unter Segeln geschafft und die starke Gegenströmung hinter uns gelassen (zumindest vorerst). Also Segel wieder bergen und die Maschine anschmeißen. Eine halbe Stunde später meldet sich der Wind zurück, wie gehabt auf die Nase. Doch wenn wir jetzt wieder aufkreuzen, kommen wir wieder in den Strömungsbereich zurück, also warten wir erstmal ab und fahren weiter. Wer weiβ, was der Wind als nächstes macht und wie lange er erhalten bleibt. Evtl. folgt er ja der Wettervorhersage und geht bald wieder schlafen.
Aber so viel Glück, wie wir manchmal haben, ist natürlich das Gegenteil der Fall. Der Wind nimmt zu und pendelt sich bei satten 5 Bft. ein, variiert dabei in der Richtung von SW bis NW, was ein Aufkreuzen erschwert bzw. unmöglich macht – es sei denn, man hat vor rückwärts zu segeln. Aber Gibraltar ist nicht mehr weit, die Gegenströmung ist fast weg und wir kommen noch gut voran, bis sich die Strasse von Gibraltar vor uns öffnet. Der Wind ist teilweise so heiβ, dass es sich anfühlt, als hält jemand einen Fön auf Höchststufe direkt ins Gesicht. Aber in der Straβe ändert sich auch das und der Wind wird nicht nur eisig, sondern legt noch ein paar Knoten zu, bis er sich bei rund 28 Knoten einpendelt und in Böen auch mal ein paar mehr erreicht. Die Wellen bauen sich steil auf und waschen übers Deck, das Vorwärtskommen wird extrem langsam. Die gröβeren Wellen stoppen das Boot auf und lassen es abfallen, der Autopilot ist dem nicht gewachsen. Er braucht eben eine gewisse Mindestgeschwindigkeit, die wir unter den gegebenen Umständen nicht halten bzw. erreichen können. Nach Mitternacht ist es geschafft, der Felsen ist umrundet und wir gelangen langsam (ganz langsam) in den Windschatten von Tarifa. Die Suche nach der Hafeneinfahrt inmitten des Lichtermeers beginnt und wir würfeln einen Pasch – die Einfahrt ist gefunden. Allerdings ist die Einfahrt in die Marina abgesperrt, die Kais im Auβenhafen extrem hoch und ohne Poller zum Festmachen. Nach zwei Hafenrundfahrten entscheiden wir uns zur Weiterfahrt Richtung Flughafen – genauer gesagt, Richtung Landebahn, die ja hier ins Meer reicht. Dahinter, zwischen Landebahn und Mole von La Linea soll man ja ankern können. Genau das tun wir auch und lassen dort unser Eisen auf 6m Tiefe fallen, um den Rest der Nacht in Ruhe zu verbringen. Mittlerweile ist es 0200 Uhr und wir gönnen uns zum Abschluss der Etappe einen „Absacker“, also einen „Gute Nacht“-Drink. Die Logge zeigt 186 sm, dabei ist die Srecke nur 130 sm. Da sieht man, was Gegenströmung ausmachen kann!